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Wild Things – Ist die Weinbar in Neukölln Zeichen einer neuen Weinkultur?

Alicia Kassebohm
Alicia Kassebohm Insider Tipp vom 30. Januar
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Natürliche Zutaten, natürliche Herstellung, natürlich alles. Natürlichkeit ist schon seit längerem im Trend. Oder besser gesagt eine unstillbare Sehnsucht in der heutigen Welt nach etwas Reinem, Sauberem, das uns wieder gut fühlen lässt. Alles, was das Label „natürlich“ trägt, muss irgendwie auch gut sein. Deshalb war es sicher auch nur eine Frage der Zeit, bis die Naturweine zum neuen It-Getränk wurden.

Die Herstellung von Weinen, die unter kontrolliert organisch-biologischen oder biologisch-dynamischen Bedingungen erzeugt werden und anschließend als Naturwein benannt werden können, entstand aus einer Bewegung von Winzergruppen Ende des 20. Jahrhunderts. Sie sprechen sich für eine weniger industrielle und weniger anonyme Weinherstellung aus und wollen sich damit zurück zu den Wurzeln besinnen – auch wenn nach wie vor der wahre Vorteil von einer extremen Maischegärung und einer Vinifizierung ohne Zusatz von Schwefel umstritten ist. Diese angereicherte schwefelige Säure, die keinesfalls ungesund ist, verleiht dem Wein später die gewohnte Frische, während eine Filtration für optische Klarheit des Weines sorgt. Obwohl Naturweine auf aufwendige Technik und Zusatzstoffe wie diesen Schwefel verzichten, sind die Grenzen zwischen dem Naturwein und einem „normalen“ Wein noch unklar und gesetzlich nicht geregelt. So ist beispielsweise auch eine Schönung und Filterung beim Vin naturel oft, aber nicht immer verboten.

Wer nun endlich wissen möchte, wie so ein natürlicher, roher, wilder Wein schmeckt, kann einen in der Bar „Wild Things“ in der Weserstraße zu Brot, Käse, Tartar oder Austern probieren. Die kleine Schwester des Restaurants Industry Standard in der Sonnenallee, das im Übrigen auch Naturweine anbietet, hat erst vor kurzem eröffnet und ist schon jetzt ein absolutes Highlight in Berlin-Neukölln.

Der Betreiber der Bar ist längst kein Unbekannter mehr in der Berliner Food-Szene: Jan Hugel kennt man bereits durch das Bandol sur Mer auf der Torstraße, das Parker Bowles am Moritzplatz oder das Maxim in der Gormannstraße in Mitte. Ein mysteriöser französischer Sommelier namens Sébastien Saris unterstützt ihn, während für die Naturweine überwiegend Holger Schwarz verantwortlich ist, der Inhaber des Ladens Viniculture in Charlottenburg. Der Kunde darf dank ihm zwischen etwa 120 Weinen in typisch Berliner Atmosphäre entscheiden. Die zusammengeflickte Bar vor der unfertigen Wand, eine Popcornmaschine oder eine große Kirchenbank als Sitzmöglichkeit sind nur einige von vielen Hinguckern, die die Räume zu etwas Besonderem machen und sich damit perfekt in das improvisiert wirkende, aber gekonnt zusammenspielende Konzept fügen. Ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall. Angst davor haben, dass die „Naked Wines“, wie sie auch genannt werden, zu erdig schmecken, muss man nicht. Den Geschmack genau zu definieren macht hierbei oft aber auch keinen Sinn. Anders als beim herkömmlichen Wein lässt sich Naturwein meist nicht über ein bestimmtes Weingut oder eine bestimmte Rebsorte bestimmen.

Wer sich auch zu Hause schon mal einstimmen und bei der neuen Weinkultur mitreden möchte, kann beim nächsten Weinkauf durchaus mal nach einem Weinetikett mit der Aufschrift „ohne Zusatz von schwefliger Säure“ oder „unfiltriert“, aber auch nach speziellen Bio- oder Ökoweinen Ausschau halten und sich selbst eine Meinung zum Naturwein bilden.

Dennoch, Wein bleibt so oder so ein Naturprodukt und ein Gläschen am Abend hat bisher auch noch keinem geschadet.

©Pictures – Alicia Kassebohm
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