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Ein Abend in der Weinerei

Alicia Kassebohm
Alicia Kassebohm Insider Tipp vom 30. Januar
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Häppchen, Drinks, gute Musik und nette Bekanntschaften

Egal an wie vielen beeindruckenden Orten man schon war – am schönsten ist es doch immer zuhause. Kein Wunder, wenn man ab und an deshalb nicht die größte Lust verspürt, am Wochenende mit den Liebsten von einer lauten Bar in die nächste in einer viel zu engen Hose und unbequem hohen Schuhen ziehen zu wollen. Wie schön waren da die Zeiten, wo die Eltern noch das Essen serviert haben und man den Lieblingskuchen von der Oma gebacken bekommen hat. Wer dieses Gefühl auch ohne Familie in der Stadt sucht, könnte Gefallen an der Weinerei in Berlin-Mitte finden. Der Laden erweckt nämlich nicht den typischen Mitte-Eindruck. 

Die auch als „Forum in der Fehrbelliner Straße 57“ bekannte Bar ist ein Ort, an dem man völlig ungezwungen und entspannt eine Pause vom Alltag machen kann. Es gibt einen täglich wechselnden Mittagstisch mit vegetarischen Speisen und veganen Suppen für nur 3 Euro sowie leckeren, selbstgebackenen Kuchen und Snacks. Die Auswahl ist zwar eher klein, dafür aber immer gut und wahrlich ein Ambiente zum Wohlfühlen. Als würde man nach der Schule die Lieblingslasagne von seiner Mutter gekocht bekommen. Wasser gibt es hier umsonst dazu. Das Konzept ist großartig und wird von der Mehrzahl der Gäste bestens aufgenommen und nicht zuletzt deshalb großzügig honoriert. Abends wechselt das Angebot und es gibt ab 20 Uhr das „Wine Tasting“. Dafür bezahlt man für sein Weinglas 2 Euro und anschließend so viel, wie einem der jeweilige Wein wert war.

Am Tresen im Eingangsbereich kann man sich beraten lassen und schließlich den Wein – Rot-, Weiß- oder Perlwein aus einem saisonal wechselnden Angebot – auswählen. Die meisten Weine stammen aus dem familiären Umfeld der Ladenbesitzer oder sind direkte Einlieferungen aus Bordeaux, Frankreich.Wer länger als ein Glas bleibt, bekommt noch das kostenlos servierte Essen mit, was durch die Hintertür im „Wohnzimmer“ serviert wird – und fühlt sich damit wirklich wie bei Freunden zuhause. Sicherlich unterstützen auch die ungleichen, plüschigen Vintage-Möbel dieses anheimelnde Ambiente. Zusammen mit außergewöhnlicher Dekoration, die oft nach Erbstück aussieht oder auf dem Flohmarkt gefunden zu sein scheint, fühlt sich die Bar ganz typisch und positiv nach Berlin an.  

Das internationale Publikum ist altersmäßig gut durchmischt und verteilt sich jedenfalls immer schnell auf das Kellergewölbe und das gemütliche Erdgeschoss der Weinerei. Deshalb lohnt es sich definitiv, früh zu kommen (und/oder zu reservieren) und lange zu bleiben. Durch die Fülle und das enge Aneinandersitzen kommt man – anders als in so vielen anderen Berliner Bars – schnell mit neuen Bekanntschaften ins Gespräch. Und das sind keinesfalls nur oberflächliche Gespräche. Hier trifft man mit ein wenig Glück auf einen wahren Philosophen oder eine Yogalehrerin, die nebenbei noch Politik studiert und einem darlegt, welche Wunder eine halbe Stunde Meditation am Tag bewirken kann. Und dass das größte Problem unserer Zeit doch die fehlende oder missverständliche Kommunikation zwischen den Menschen sei. Wenn die Kommunikation in der Weinerei so gut verläuft, vergisst man auch schnell, dass es nicht die weltbesten Weine sind, die man gerade trinkt. Aber darum geht es in der Weinerei oder generell in Berlin auch nicht, sondern um ein Lebensgefühl. Und das ist manchmal unbezahlbar. Wenn diese Gespräche nicht unbedingt abrupt enden sollen, bietet sich bei gutem Wetter noch ein kleiner Spaziergang in den anliegenden Straßen und dem Weinbergspark gegenüber an.

Die Gegend ist wirklich entspannt und auch bei Nacht noch sehr schön, sodass das wohlige Gefühl anhält und mindestens noch bis zum nächsten Morgen besteht. Wenn nicht, muss man der Weinerei einfach bald wieder einen Besuch abstatten und sich wie zuhause fühlen. Wem ein Wein besonders in Erinnerung geblieben ist, kann ihn gegenüber der Bar in der dazugehörigen Weinhandlung nachkaufen und bei sich im eigenen Wohnzimmer das gute Gefühl einschenken.

©Pictures – Alicia Kassebohm
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